Die Fulda (Seite 2/2)

Im Juli 1934 zeigte eine Abrechnung über Fahrgelder, dass auch nichtberechtigte Fahrzeuge die Fähre benutzen konnten, und zwar gegen folgende Bezahlung:

Für 1 Auto 2 Sitze 2 Personen                    =            63 Pf.
Für 1 Auto 4 Sitze 3 Personen                    =            72 Pf.
Für 1 Fuhrwerk, leichtes, 1 Person             =            32 Pf.
Für 1 Motorrad 2 Sitze 1 Person                =            45 Pf.
Für 1 Wagen, leer, 2 Pferde 1 Person         =            68 Pf.
Für 1 Wagen, beladen, 2 Pferde 1 Person   =            90 Pf.
Für 2 Pferde                                                 =            54 Pf.

Vom 17.7. - 26. 7.1940 wurde im Auftrage der Dienststelle des Luftgaupostamtes Frankfurt/Main ein Truppenteil verlegt, und zwar:

7 LKW leer und 23 Personen und
7 LKW beladen und 24 Personen.

1930 werden Kurgäste der Walderholungsstätte Kragenhof e.V. wegen ihrer Bedürftigkeit unentgeltlich „im Trupp“ übergesetzt.

 

Nach Sprengung der Eisenbahnbrücke 1945 war die Nord-Südverbindung unterbrochen, auch für die Flüchtlingsströme. In großer Zahl suchten Flüchtlinge und Vertriebene unter Benutzung der Prahmfähre wieder den Anschluss an die Bahn auf der anderen Seite zu erreichen; wie mir erzählt wurde, unter Mithilfe von Spiekershäusern, die mit Fuhrwerken und Handwagen - nicht ganz uneigennützig - behilflich waren.

 

 Während die Personenfähre bei der Grauen Katze wegen Krankheit seit Frühjahr 1967 ruhte, endete der Betrieb der Prahmfähre schon kurze Zeit vorher. Im September 1973 gab Gemeindedirektor Stockmann Folgendes bekannt:

„.... Die Fähre diente den Einwohnern von Spiekershausen als Zuwegung zu ihren auf dem linken Fuldaufer liegenden Wiesen und den Einwohnern von Ihringshausen als Zuwegung zu der auf dem rechten Fuldaufer liegenden Winneknecht'schen Mühle. In den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Prahm noch einige Jahre jeweils in der Heuernte von einem Landwirt aus Spiekershausen angefordert. Seit etwa acht Jahren ruht der Fahrbetrieb gänzlich. Da auch die Winneknecht'sche Mühle ihren Betrieb seit langem eingestellt hat, liegt m. E. ein echtes Bedürfnis für den Betrieb der Fähre nicht mehr vor.

Bei Wiederaufnahme des Fährverkehrs müsste der vorhandene Prahm nach den derzeitigen neuen Sicherheitsbestimmungen unter Aufwendung erheblicher Mittel umgebaut und entsprechend hergerichtet und ausgerüstet werden. Die Aufwendungen dieser Mittel (geschätzt auf etwa 30.000,- DM) können in wirtschaftlicher Hinsicht nicht verantwortet werden, weil der Prahm nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre auch in der Zukunft nicht wieder eingesetzt werden braucht. ...“

 

Eine entscheidende Umgestaltung erfuhren die Verhältnisse im unteren Lauf der Fulda zwischen Kassel und Hannoversch Münden mit der 1975 - 1980 durchgeführten „kleinen Lösung“ der Umkanalisierung. „Diese kleine Lösung beinhaltete den Bau eines Wehres mit 8,10 bzw. 8,50 m Fallhöhe in Hannoversch Münden und Wahnhausen sowie je einer vergrößerten Bootsschleuse für Fahrgast- und Sportschifffahrt und Ausbau der Fuldastrecke für diesen Verkehr auf 1,50 m Wassertiefe. Auf die ursprünglich vorgesehenen Güterschiffsschleusen wurde verzichtet.“

Um Platz für die künftige Fahrrinne zu schaffen, wurden die alten Wehrtore und der Hauptteil der Schleusen durch Sprengungen gelockert und dann abgetragen. Am 17. April 1980 beginnen die Staumaßnahmen; das Wasser steigt bei Spiekershausen rund drei Meter über den bisherigen Wasserstand, die Wassertiefe muss mindestens 1,50 m betragen.

Die starkverminderte Fließgeschwindigkeit des Flusses machte den Einsatz einer Sauerstoffanlage erforderlich. Die an der Fulda im Dorfbereich gelegenen Kleingarten leiden unter Staunässe. Biotope entstehen und sollen Eisvogel und Uferschwalbe anlocken. Die nunmehr stetig kontrollierte, gleich bleibende Wasserhöhe führt zur Anlage zahlreicher Bootsstege. Freizeitkapitäne von nah und fern bevölkern den verbreiterten Fluss und den sich anschließenden See bei Kragenhof.

Inzwischen sind die erhöhten, mit Steinen aufgefüllten Böschungen wieder eingewachsen. Weiden und Erlen spiegeln sich in den Wellen der Fulda. Reiher haben sich angesiedelt, Schwane brüten. - Aller Skepsis und den Befürchtungen, dass „die Fulda etwas von ihrer Schönheit verlieren wird“ (Okt. '79) zum Trotz hat sich die Natur von den Eingriffen des Menschen erholt und regeneriert. Man kann vielleicht sogar sagen, die Fulda hat an Schönheit und Attraktivität gewonnen.

 

Auch die „Weiße Flotte“ freut sich der verbesserten Bedingungen für die Personenschifffahrt. Und auch sie hat - noch den Mündenschen Nachrichten - ihre Geschichte:

„Im August 1895 wurde die Fuldaschifffahrt eröffnet. Der erste Personendampfer, der zwischen Kassel und der Grauen Katze verkehrt, war der Seitenraddampfer „Lydia“ des Kapitäns Dehne, der zu Hameln auf der Erbstein'schen Werft erbaut und später nach Ostpreußen verkauft wurde. Etwa gleichzeitig fuhr das Motorboot „Marie“ („Lottemanns Mariechen“), das aber schon im Winter 1895/96 bei einer leichtsinnig unternommenen Hochwasserfahrt auf das alte Fuldawehr beim Finkenherd auflief und zerbrach. Zwei Personen fanden den Tod.

Der Dampfer „Cassel“ aus Hannoversch Münden und das Schiff „Nienburg“ der Bremer Schleppschiffahrt AG, das den Kahn „Bremen 18“ in der Trosse hatte, waren die ersten Frachtschiffe, die an Spiekershausen vorbei den Kasseler Hafen anliefen.“

Im 2. Weltkrieg und auch kurz danach herrschte auf der Fulda ein reger Frachtverkehr. Die Schlepper „Biene“ und „Hameln“ zogen oft bis zu drei „Bremer Böcke“. Der als Vierschraubenschlepper gebaute Dampfer „Gustav“ wurde für die untere Fulda umgebaut; auf einem seither nie wieder benutzten Helgen entsteht der Hinterraddampfer „Elsa“.

Gegenwärtig befahren die Unternehmen Rehbein und Söllner mit ihren Schiffen die Fulda. Die „Hessen“, die „Deutschland“, die „Stadt Kassel“ und die „Brüder Grimm“ sowei die „Europa“ bringen Ausflügler in Scharen in unser schönes Fuldatal, nicht selten auch fröhliche Gesellschaften mit Tanz und Musik.

In diesem Zusammenhang soll auch ein Kuriosum nicht vergessen werden, das sich auf der Fulda ereignete und die Spiekershauser Vorfahren in großes Erstaunen versetzte:

Am 24. September 1707 trennte sich Dennis Papin (franz. Arzt und Natudorscher) von Landgraf Karl, der ihn 1688 an den hessischen Hof nach Kassel geholt hatte. Er bat den Landgrafen um Entlassung, da am „Collegium Carolinum“ von hessischen neidischen Professoren gegen ihn intrigiert wurde. Sein Abschiedsgesuch wurde genehmigt, und so gedenkt er als wertvollsten Besitz ein kleines Schiff mit Schaufelrädern mitzunehmen, das ihm zu seinen Versuchen, ein Dampfschiff zu entwickeln, gedient hatte und dessen Ruderräder von Menschenhand getrieben wurden. Er wollte das Mündener Stapelrecht umgehen und fand einen Mündener Schiffer, der das Fahrzeug in Schlepptau nehmen wollte. Aber in Münden wurde er entdeckt, von der Schiffergilde an Land gezogen und sein Schiff gnadenlos vernichtet .