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Auch „Pannen“ blieben nicht aus
„Am Dienstag, den 29. August visitierte Herr Schulrat Sachse hiesige Schule. Die Visitation fiel nicht zur Zufriedenheit des hohen Herrn aus. Einesteils mögen die Kinder wohl sehr ermüdet gewesen sein, sie
hatten schon von 3/4 7 tüchtig gearbeitet und 1/2 12 musste die Oberstufe antreten, nachdem dieselbe 1/2 11 Uhr von mir entlassen war. Dass es nicht berühmt gehen würde, konnte ich annehmen, da ich eine zu schwache
Klasse hatte und meine Nerven gerade die Tage sehr gelitten – aber es ging schlechter als ich dachte. Auf ein Jena folgte ein Leipzig. - Es wird wohl Schluss in der alten Schule gewesen sein...“
Hier wird nichts beschönigt, schon damals stand alles unter Erfolgszwang, wenn nicht sogar unter „Stress“!!
Endlich sind die Mittel für den Schulneubau da, und 1902 ist es so weit:
„Die neue Schule wurde am 16. und 17. Mai gerichtet. Die Gemeinde hatte für jeden Arbeiter eine Mark für Essen und Trinken bewilligt DieArbeiter haben für diese Ehre gedankt und haben durch andere Gönner einen
Richttrunk erhalten.“
Aus den mehreren Vermerken zur neuen Schule hier nur als Auszug die Schilderung der Einweihungsfeier:
„Am Sonntag, dem 19. Oktober 1902 wurde die neue Schule feierlichst eingeweiht. Um 3 1/2 versammelten sich vor der alten Schule die Herren Kreisschulinspektor Pastor Müller, der Landrat von Stockhausen,
Pastor Fahlbusch, der Kriegerverein von Spiekershausen, der Posaunenchor von Speele, die Schulkinder mit ihrem Lehrer und fast die ganze Gemeinde. Der Posaunenchor unter Leitung des Herrn Lehrer Meyer, Speele,
spielte „Dies ist der Tag des Herrn“. Darauf hielt Herr Pastor Fahlbusch die Abschiedsrede. Die Kinder sangen „Unsern Ausgang segne Gott“.
Sodann setzte sich der Zug in Bewegung in folgender Reihenfolge: 1. Posaunenchor, 2. Lehrer und Schuljugend, 3. Schulvorstand, 4. Kreisschulinspektor, Landrat, Ortsschulinspektor, Bauherr Echelebe (?),
5. Kriegerverein, 6. Männer und Jünglinge, 7. Frauen und Mädchen.
Vor dem neuen Hause angekommen, sang die Gemeinde „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren“. Sodann verlas der Herr Kreisschulinspektor den 121. Psalm. Die Gemeinde sang darauf „Zeuch ein zu
deinen Thoren“. Sodann hielt der Kreisschulinspektor Müller eine ergreifende Einweihungsrede über das liebliche Thema „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ und sprach darauf das Weihegebet. Die Kinder sangen allein
,“0 selig Haus, wo man die lieben Kleinen“. Sodann erfolgte die Übergabe des Schlüssels von dem Baumeister Echelebe (?) an den Herrn Landrat, derselbe übergab denselben in einer längeren Rede an den
Kreisschulinspektor Müller: Sodann erhielt mit einer Ansprache den Schlüssel der Herr Ortsschulinspektor und derselbe gab denselben an den Lehrer. Mit einem Gelöbnis der Treue übernahm derselbe den Schlüssel,
öffnete die Schule und lud die Anwesenden zum Eintritt. Gebet und Segen. „Nun danket alle Gott“. Ein Kaffee hielt die Versammelten einige Stunden im Schullokale zu säumen. Nachdem das Haus von Herrn Landrat und
Herrn Kreisschulinspektor besichtigt, nahmen die hohen Herren Abschied. Die Gemeinde mit vielen Freunden hatte sich am Abend im Fuldagarten vereinigt und sind daselbst noch verschiedene Reden etc. gebracht worden.
Es war ein schöner Tag. Möge Gottes Segen auf der Schule ruhen.“
Die erste Schulchronik schließt 1909 auf der letzten Seite mit einem Vermerk zur Besoldung des Lehrers:
„Von großer Bedeutung war das Lehrerbesoldungs-Gesetz von 1909, in welchem der Grundgehalt von 1.400 Mark und die Alterszulagen auf 400 Mark festgesetzt wurden; außerdem 100 Mark Zulage für den Lehrer, wenn er 15
Jahre an einer einklassigen Schule als erster Lehrer tätig gewesen. Als Küster bezieht er 300 Mark Gehalt. Leider sind die niedrigen Küsterdienste nicht geregelt.“
Die Schulchronik, die Hegenberg in dem kleinen Büchlein 1878 begonnen hatte, wird 1909 mit einem weiteren Dokument fortgesetzt, das formalere Gestaltung aufweist. Mit vielfachen Unterrtiteln wird in
detaillierten Kategorien fast lückenlos abgefragt (leider von dem jeweils für die Führung der Chronik Verantwortlichen nicht immer genau und vollständig beantwortet) z.B.
- der Schulort (Geschichte, Umgebung, Bewohner)
- der Schulverband (Schulvermögen und -lasten, Lehrerberufung, Schulaufsicht
- die Schule (Geschichte, Gebäude, Besoldung, kirchliche Ämter und Personalien der Lehrer)
- Unterricht (mit 10 Untertiteln), Statistik, Prüfungen, Schulkinder, besondere Vorkommnisse etc.
Bild: Schulklasse Wehrbein 1920
Unter weitgehender Wiederholung historischer Ausführungen findet der Weltkrieg mit den 11 Gefallenen des Ortes und ihrem kurzen Lebensbild mehrfache Erwähnung, der Straßenbau nach Sandershausen und nach
Kragenhof, die Fuldakanalisierung, es wird jetzt auch kontinuierlich ab 1921 formell eine Schülerliste geführt (bis zur letzten Entlassung am 1.3.1973).
Über mehr als vier Jahrzehnte war Lehrer Heinrich Wehrbein Schreiber der Schulchronik - das rechtfertigt sicher einen Blick auf sein Leben: Geboren 1863
trat er nach dem Examen in Alfeld/Leine 1883 in Spiekershausen an - als Lehrer, Küster und Organist, wurde für den Kriegsfall der Landsturmreserve 2.
Aufgebot zugewiesen und schreibt dann in der Rubrik „Personalien der Lehrer“ über sich selbst weiter
„... Wehrbein hat sich am 17. Juli 1886 verheiratet mit Wilhelmine Bach, einer Kaufmannstochter. Zwei Söhne, von
denen der ältere zurzeit Postassistent, der jüngere stud. theol. studiert, sind ihm geboren. Am 7. Dec. 1908 feierte Wehrbein sein 25-jähriges Dienstjubiläum, reich beschenkt von seiner Gemeinde.“
Dann fällt jeder Schwung der Schrift in sich zusammen, und in kleinen, teigigen Schriftzügen vervollständigt Wehrbein die Eintragungen - seine letzten
„Am 10. Mai 1913 starb die Ehefrau Wilheimine nach langem Leiden im Diakonissenhaus zu Cassel. 1914 mussten
beide Söhne mit ins Feld. Heinrich Wehrbein cand. theol. fiel am 19.10.16 in der Champagne bei Brieres, am 3.1.17
wurde er hier begraben. Albert Wehrbein kam als Feldpostsekretär zurück. Infolge dieser Schicksalsschläge hat Wehrbein eine Herzkrankheit. Eine Grippe November 1917 gefährdete seine angegriffene Gesundheit. Von dem 180
Pfund schweren Mann blieben 135 Pfund ... 1916 erhielt Wehrbein das Verdienstkreuz für Kriegshülfe; er hat seit
November 1913 den Ortsvorsteher vertreten müssen - eine arbeitsam und undankbare Aufgabe. 1918 erhielt Wehrbein den Kantortitel.
Im Herbst 1928 wird Kantor Wehrbein pensioniert. Die Gemeinde bereitet ihm einen würdigen Abschied.“
Die letzten beiden Zeilen des Zitats stammen schon von seinem Nachfolger, dem Lehrer Brümmer.
Bild: Schulklasse Brümmer 1933
Jetzt findet sich auch die bis 1947 vervollständigte Liste der Lehrer von Spiekershausen, die ich hier selbst um die letzten drei Namen noch ergänzt habe:
Hartmann 1835 - 1840
Kast 1840 - 1876
Vikarien Fredershausen und Kümmel 1876 - 1877
Habenicht 1878 - 1878
Hegenberg 1878 - 1883
Wehrbein 1883 - 1928
Brümmer 1928 - 1946
Bode (Speele) 1946 - 1946
Moldenhauer 1946 - 1954
Wohlforth 1947 - 1960
Habeck 1954 - 1968
Gertler, Robert 1967 - 1968
Gertler, Irmgard 1968 - 1975
bis zur endgültigen Schließung der Schule in Spiekershausen,nach 1973 als Außenstelle der Mittelpunktschule Landwehrhagen.
Eine Schülerstatistik zeigt u. a. das Bild der Nachkriegswirren: man bedenke, dass die Schule über Jahrzehnte 30 - 40 Schüler betreute und liest jetzt
(Jahr) (Schüler) (Flüchtlinge)
1946/47 70 14
1947/48 71 16
1948/49 87 20
1949/50 109 25
1950/51 111 25
Es sei daran erinnert, dass nach der Schülerliste schon während des Krieges fast 50 Kinder aus evakuierten Familien (im Dorf
oderWalderholungsheim untergebracht) und ebenso bis in die Nachkriegszeit Kinder durchziehender Flüchtlingsfamilien zusätzlich in Spiekershausen beschult wurden!
Dass der mit dieser Fluktuation stark gewachsene Aufgabenumfang mit den vorgegebenen sachlichen und personellen Mitteln
bewältigt werden konnte, nötigt - trotz der zeitweise erfolgten Einrichtung einer 2. Lehrerstelle - schon Bewunderung ab!
Die Schule in Spiekershausen hat sich bewährt. 1835 wurde sie für die bis dahin nach Landwehrhagen wandernden Kinder hier
eingerichtet, und ab Sommer 1976 wurden die letzten Kinder wieder nach Landwehrhagen („Mittelpunktschule“) geschickt.
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